Liebste Sabrina, geliebte Tochter,
wie schreibt man Briefe an seine tote Tochter?
An wen soll ich die Briefe richten?
Ich schreibe weil ich eine Verbindung zu dir brauche.
Heute sind es 609 Tage seit du tot bist!
Ich schreibe diese drei Buchstaben, ohne sie zu begreifen.
Ich verstehe immer noch nicht was geschehen ist,
ich will und kann es nicht begreifen.
Diese drei Buchstaben lösen Chaos in mir aus.
Du bist meine Tochter, mein einziges Kind.
Seit 609 Tagen suche ich eine Form der Normalität,
die nicht mehr da ist.
Vor mir liegen Scherben,
sinnlos gewordene Bruchstücke eines Lebens.
Ich möchte bei Dir sein, Sabrina.
Was ich mein Schicksal nenne, werde ich tragen
ohne den Sinn verstehen zu können.
Leben mit der Abwesenheit von Sinn
wie, meine Tochter, soll dies gehen?
Du warst mein Leben, Teil von mir selbst.
„Ich bin Du und Du bist Ich“
Bist du zurückgekehrt zum Ursprung unser beider Leben?
Du warst mir so viel, Sabrina:
Du gabst meinem Leben als Mutter
einen ganz besonderen Sinn und Inhalt,
für dich musste ich sorgen, für dich musste ich da sein,
Du hast mich gebraucht.
Ich weiß nicht mehr wer ich bin....
Bin ich noch eine Mama?
Mit dir konnte ich noch einmal zurückwandern
durch mein eigenes Leben,
habe Kindheit und Jugend gespürt,
Dich begleitet durch alle Phasen, durch Höhen und durch Tiefen.
Du warst mir Intuition,
wie du mir manchmal auch Kummer
und sogar Wut und Verzweiflung warst.
Mit Dir habe ich gelacht, geweint, gestritten, philosophiert,
wir haben Lebensplanungen entworfen,
Visionen für Dich und für mich.
Wir waren Mutter und Tochter, im besten Sinne
gemeinsam und jeder für sich, wir waren uns so nah,
wie Mutter und Tochter sich nah sein können und noch stärker.
Und weil dies so war,
konnte ich dich mit angehender Reife des Erwachsenwerdens
ziehen lassen,
wissend,
dass das Band zwischen uns fest und undurchtrennbar ist.
Ich habe gespürt,
wie gut und wie frei Dein Leben so langsam wurde.
Ich habe gespürt,
wie du an den Aufgaben des Lebens langsam gewachsen bist
und frei und unabhängig sein wolltest.
Dich gefreut hast allein zu entscheiden und erwachsen zu werden.
Du hast mir neue Welten eröffnet,
Welten die ich ohne Dich nie kennen gelernt hätte.
Du brachtest mir die Menschen nah,
jetzt ist alles tot in mir, leer und ohne Sinn.
Hunderte Male haben wir zusammen über deine Zukunft gesprochen
und sie vor Augen gesehen.
Es gab in Gedanken soviel Pläne und Vorstellungen für Dich,
für Deinen Beruf und Dein Leben, als Sabrina.
Heiraten und Kinder haben wolltest Du erstmal nicht,
Karriere und Leben für Dich.
Ich habe Dir oft gesagt, dass Du später mal gut für Dich sorgen musst, für Dich selbst.
Deshalb ist es wichtig gewesen eine gute Ausbildung zu absolvieren,
falls Mama nicht mehr ist.
....Es kam die falsche Reihenfolge in unser beider Leben.
Wir sprachen so viel zusammen über Deine Zukunft
und von einer Sekunde auf die andere
sprach ich mit der Familie und Deinen Freunden über Deinen Tod.
Hattest Du eine Ahnung, mein Kind?
Eine ganz ferne, unbewusste Ahnung über das Kommende?
Musstest Du so leben, so schnell reifen, meine Sabrina,
weil Dir nur so wenig Zeit blieb?
Musste unsere Beziehung so eng sein,
weil wir nur 17 Jahre zur Verfügung hatten?
Wenn alles so ist, was hat dieses Schicksal dann für mich vorgesehen?
Wie soll ich ein Leben leben, mit Deiner Abwesenheit,
Deiner ewigen Abwesenheit?
Wer und was soll die Leere füllen,
wie soll ich diesen Schmerz aushalten,
den ich in seinem Ausmaß zu spüren beginne.
Ganz langsam begreife ich die Tragweite,
die Dimension....ganz langsam nur, Sabrina!
Ich lebe mit dem Schock, mit der Fassungslosigkeit!
Meine Sabrina,
ich fühle mich noch immer abgeschnitten von mir selbst....
Ich handle wie eine Marionette, funktioniere,
bin nicht ich selbst.
Irgendjemand oder irgendetwas
wird mich erlösen und befreien
und Du wirst zurückkehren
und alles ist nur ein Spuk,
ein böser, fürchterlicher Traum....
Lass es so sein, Sabrina, lass es doch bitte so sein....
Ich brauche dich so sehr,
Du fehlst mir so unendlich.
Ich liebe Dich
Deine Mama

Sabrina, die Trauer und der Schmerz um Dich nehmen nicht ab,